© Stadtarchiv Kiel
Wieder mal geht es weit zurück in die Kieler Fußballgeschichte. Und wieder mal, wie schon in einigen Folgen, geht es um eine von Holstein Kiel benutzte Sportanlage, von der heute absolut nichts mehr zu ahnen ist.
Das heutige Holstein-Stadion steht an der gleichen Stelle wie der 1911 errichtete Holstein-Platz. Ein Riesenschritt für Holstein, den Platz auf einer ehemaligen Koppel des Bauern Witthöft in Betrieb nehmen zu können. Doch von Beginn an reichte er für den ständig wachsenden Sportbetrieb nicht aus. Denn auf dem Holstein-Platz spielte normalerweise nur die 1. Herrenmannschaft; alle anderen Herren- und Jugendteams einschließlich der 1910 gegründeten Hockeyabteilung mussten weiter auf dem Städtischen Sport- und Spielplatz (dem „Norder“) agieren.

1913: Der erste „untere Platz“
Deshalb war man froh, dass man bereits im Oktober 1913 auf einer ehemaligen Koppel direkt neben dem Holstein-Platz den Sportbetrieb aufnehmen konnte. Zwei Spielfelder wurden hier errichtet. Das Gelände gehörte zum „Kieler Hof“, einer seit dem 13. Jahrhundert existierenden Bauernstelle, die unmittelbar südlich des Holstein-Platzes am Mühlenweg lag. Nach dem Tod des zweimaligen Holstein-Präsidenten 1949 erhielt diese Anlage dessen Namen: Föge-Platz. Er wird in einer der nächsten Folgen Gegenstand der Betrachtungen sein.
1927: Der zweite „untere Platz“ – auch für die Hockeyabteilung
Doch auch die nun vorhandenen drei Plätze reichten nach einem weiteren Mitglieder-Boom nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren schnell nicht mehr aus. Namentlich der Hockeyabteilung war ein eigener Platz versprochen worden. So konnte man 1927 auf einem weiteren Areal des Kieler Hofes zwei weitere Sportplätze fertigstellen, von denen einer der Hockeyabteilung zugesprochen wurde. Auf dem Hockeyplatz dieser Anlage waren dann Ende der 1920er Jahre 4 Männerteams, ein Jugendteam und eine Damenmannschaft im Spielbetrieb.
Die Plätze grenzten allerdings nicht direkt an die bisherige Holstein-Anlage. Sie lagen wenige hundert Meter weiter westlich. Heute sind sie unter dem Holstein-Kreisel begraben. Um diese beiden Plätze geht es heute.
Zincke-Platz / Werner-Platz 1927–1982
In späteren Jahren (vermutlich um 1950 zur 50-Jahr-Feier) erhalten diese Plätze die Namen zweier Holstein-Helden der Meistermannschaft von 1912: Der nördliche Platz heißt nun „Zincke-Platz“, der südliche „Werner-Platz“. Die Plätze liegen nicht neben-, sondern hintereinander. In der 1950er Chronik Holsteins tragen diese Plätze die Namen noch nicht. Sie werden schlicht „untere Plätze“ genannt. Holsteins Fußballjugend in den fünfziger Jahren differenziert jedoch nicht, die Plätze werden allgemein „Hoheluft“ (Platz von Victoria Hamburg) genannt, vermutlich nach dem Ort des 1912er Triumphs.
Handballboom auch bei Holstein
Die Plätze werden dringend benötigt. Seit 1925 wird auch bei Holstein Handball gespielt. Kurz vorher haben der KMTV und auch der THW mit Handball begonnen. Auch diese Sportart boomt also. Auf dem Feld mit je 11 Spielern, heute fast vergessen. Schnell stellt Holstein 3 Herren-, zwei Damenteams sowie weibliche und männliche Jugendteams. Die Plätze sind also in den frühen dreißiger Jahren in permanenter Dauerbelegung.
Ab 1933 ganz schwarzes Kapitel: Auch bei Holstein „Fernhaltung der Mitglieder“ – nie aufgearbeitet
„Politische Einflüsse und die dadurch erzwungene Fernhaltung der Mitglieder“, so heißt es wörtlich auf S. 300 der 1950er Holstein-Chronik, sowie weiter „große Unsicherheiten der bekannten Verhältnisse in den Jahren 1934/35 dienten dem Neuaufbau der Mannschaften“. Bedeutet im verschämten, verklausulierten Tonfall der 1950er Nachkriegsjahre nichts anderes als: Auch bei Holstein wurden nun Mitglieder, in den allermeisten Fällen wohl aufgrund ihres jüdischen Glaubens, konsequent vom Vereinsleben ausgeschlossen. Der Beginn der Ausgrenzung, die in den wohl meisten Fällen zum Tod oder bestenfalls zum Verlust der Kieler Heimat führte. Und zwar in einem zahlenmäßigen Umfang, der die Hockeyabteilung so sehr schwächte, dass sie 1938 ihren Betrieb einstellte. Ein nie aufgearbeitetes Kapitel der Vereinsgeschichte. Wer war verantwortlich? Wer waren diese „ferngehaltenen Mitglieder“? Was wurde aus ihnen?
Das Luftbild oben von 1944 lässt nach den Bombardements der Alliierten auf Kiel nur noch einen der beiden Plätze der „Hoheluft“ als solchen erkennen. Aber auch der Föge-Platz ist nicht mehr als Sportplatz zu identifizieren. Reste der Kreidemarkierung der Hoheluft deuten auf eine (Vor-)Nutzung als Handballplatz. Das Sportleben war ja nach Ausrufung des „totalen“ Kriegs bereits fast vollständig zum Erliegen gekommen.
Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Plätze schnell wieder nutzbar gemacht. In jeder Jugendklasse gab es 4, teils 5 Mannschaften, ebenfalls zeitweise 5 Herrenteams. Auf den Plätzen spielten nur die „Breitensportteams“. Eberhard Gräf, von 1965–1975 Außenverteidiger der Ligamannschaft Holsteins und 1956 vom Kieler SV zu Holstein geholt („zu Holstein geht man nicht, man wird geholt“), hat da als spielstarker Jugendspieler nie gespielt. Die leistungsstarken Jugendteams spielten auf dem Föge-Platz und in Ausnahmefällen auch mal im Stadion.
Außerdem wurde auf ihnen weiterhin Handball gespielt. Große Kieler-Woche-Turniere gab es, jetzt auch auf mehreren Kleinfeldern, die auf den Plätzen gekreidet wurden.

Immer grenzwertiger Platzzustand: Deutlich benutzt mit Kleingärtner-Trampelpfad
Die Hoheluft lag inmitten der ehemaligen Ländereien des Kieler Hofs, aus denen Kleingärten geworden waren. So führte über den oberen Zincke-Platz diagonal ein Trampelpfad. Da das ganze Gelände der Plätze Richtung Süden leicht abschüssig war, lag zwischen Zincke- und Werner-Platz ungefähr eine Höhendifferenz von einem Meter. Insgesamt war das Gelände ein stark benutztes Areal mit Bolzplatz-Charme.


Die Brücke
Die Olympiade 1972 war Anlass, den Westring auszubauen und ab Holstein-Stadion eine neue vierspurige Stadtautobahn direkt am Holstein-Stadion vorbei zu bauen. Der Kieler Hof stand direkt auf der Trasse und wurde abgerissen. Die berühmt-berüchtigte Holsteinkurve, aus der so mancher heiße Käfer oder Opel Manta, aber auch mal ein beladener Bierlaster flog, entstand. Die Trasse schnitt die Hoheluft vom Holsteinareal ab. Deshalb baute man eine Brücke, die ab 1971 die Querung der Stadtautobahn ermöglichte. Bis zum jüngst erfolgten Bau der Ernst-Möller-Straße war der geteerte Zugang zur Brücke noch erkennbar, der verschwand aber mit dem Bau der Straße.

Das Ende
Als dann ab 1982 mit dem Bau der Mühlenweg-Trasse begonnen wurde, war das Schicksal der fast bis zum Schluss benutzten Plätze besiegelt. Heute ist keine Spur mehr von ihnen zu erkennen. Kaum einer ahnt, wie oft er direkt über ein Stück Holstein Kiel fährt – genau wie an anderen Orten in Kiel.

Weitere Folgen:
- Lost Places 1: Paradeplatz auf dem Großen Exerzierplatz: Hier spielte der FC Holstein zum allerersten Mal!
- Lost Places 2: Die Wiege des Rekordmeisters THW Kiel lag in Gaarden
- Lost Places 3: Holstein Kiels erstes Eintrittsgeld – Platz zerbombt und unter die Räder gekommen
- Lost Places Folge 4: Die Fußball-Pioniere des Kieler MTV
- Lost Places 5: Spielplatz an der Gutenbergstraße
- Lost Places 6 und 7: Fußballhochburg Gaarden Pickertkaserne, Gaußplatz
- Lost Places 8: Der Fußballplatz des 1. Kieler FV
- Lost Places 9: Auf dem Platz am Kleinbahnhof spielte Eintracht Kiel Erstligafußball
