VfR Neumünster fällt auf der Lohmühle auf die Nase – 1:4 gegen den VfB II

von Helwig Pfalzgraf

Das 1-0 durch den Ex-VfBer Jan Lippegaus war für den VfR Neumünster mehr toxisch als vitalisierend. © 2026 Ismail Yesilyurt

In der Oberliga reiste der Tabellenführer Rasensport Neumünster zum Tabellenletzten, dem Wiederaufsteiger VfB Lübeck II. Gespielt wurde auf dem großen Rasenplatz auf der altehrwürdigen Lohmühle neben dem Stadion.

Normalerweise eine klare Sache, sollte man meinen. Wird es auch, aber anders als gedacht. Aber nach sechs Spieltagen hat die Tabelle halt erst begrenzte Aussagekraft, und dem VfB war es am letzten Spieltag gelungen, als einziger der vier Aufsteiger zu punkten. Die Formkurve zeigte also schon nach oben. Aber was sich dann auf dem Platz beim verdienten 4:1-Sieg der Hausherren abspielte, war dann doch überraschend.

VfB II mit mehr Biss und mit dem ersten Riesen

Oliver Stutzky hatte die Lübecker Zweitvertretung hervorragend eingestellt. Bei tiefem Platz spielte man lange Bälle, die zwar meist von der VfR-Defensive geklärt wurden, aber so gut wie jeder zweite Ball ging dann im Mittelfeld an die Hausherren. Hinten spielte man giftig Mann gegen Mann. Schon nach 5 Minuten ein Ball an die Mittellinie auf Ramiz Demir, der sich im Zweikampf gegen den ausrutschenden Jan Lippegaus durchsetzt, allein auf Kenny Korup zuläuft, diesen ausspielen kann und rechts frei vor Jose Aguirre nur den Außenpfosten trifft.

Scheinüberlegenheit des VfR

Danach kommt der Gast programmgemäß besser ins Spiel. Zwar bringen die langen Bälle überhaupt nichts, weil man kaum den Ball vorne festmachen kann und anschließend die zweiten Bälle verloren gehen. Aber im Kombinationsspiel kommt man zunächst doch zu Chancen: Alija verpasst erst frei eine Aouci-Hereingabe (7.), dann setzt er ein von Keeper Ismael Bos abgewehrtes Rafael-Krause-Geschoss aus fünf Metern übers Tor (11.). Nach einer schönen Kombination zielt der agile Krause etwas zu hoch (12.). Doch zwischendurch spielt auch der VfB zunehmend selbstbewusster mit, man führt nach 20 Minuten in der Eckenwertung bereits mit 2:0. Doch nach einem Foul an Nils Drauschke auf Linksaußen bringt Krause den Ball flach nach innen, und Lippegaus trifft aus fünf Metern zum 0:1 (22.). Business as usual – denkt man.

VfB immer besser

Doch weit gefehlt. Rasensport verliert in der Folgezeit noch mehr Zweikämpfe, nach vorne geht kaum noch was. Als Christoph Kahlcke links an der Seitenauslinie gegen Orgen Marashi den Ball erobert hat und Nils Drauschke anspielen will, erahnt der letztjährige VfR-Rechtsaußen Jordan Marquardt die Situation und sprintet in den vermuteten Passweg. Mit erheblichen Geschwindigkeitsvorteilen, weil früher gestartet, ist er vor Drauschke am Ball, kurvt von fast ganz außen über 25 Meter nach innen, kann frei auf Aguirre zulaufen und sich die Ecke aussuchen. Restverteidigung beim VfR war nicht vorhanden. Marquardt verzichtet auf den Torjubel.

Jordan Marquardt kennt VfR-Aufbaumuster

„Ich wusste ja noch vom letzten Jahr die Passwege im VfR-Aufbauspiel und kenne die Bewegungsmuster. Da habe ich einfach mal spekuliert“, erklärt Marquardt später exklusiv dem Youkick-Redakteur sein Oberliga-Premierentor zum 1:1 (33.).

Jordan Marquardt (VfR) gegen Görkem Güvenir (re., KTS). © 2026 Olaf Wegerich
Ex-VfR-Kicker Jordan Marquardt (li.) sorgte für den Umschwung it seinem 1-1. © 2026 Olaf Wegerich

VfB II immer stärker – Aguirre hält Strafstoß

Die restliche Spielzeit steht unter dem Motto: Wer ist hier eigentlich Letzter und wer ist Erster? Nach 37 Minuten rettet Aguirre gegen Demir, der kaum zu stoppen ist. Wenig später hat Marquardt sich wieder rechts durchgesetzt, sucht Marashi, der etwas zu spät ist, aber noch in den Pressschlag kommt – ganz weit außen. Der Ball fällt dann 10 Meter zentral vor dem VfR-Strafraum runter, Demir ist wieder zuerst am Ball, lässt Korup stehen und wird von diesem an der Strafraumkante von den Beinen geholt. Elfmeter (42.). Demir schießt selbst… was ein Gefoulter ja nach alter Fußballweisheit nicht tun sollte. Aguirre ahnt prompt die Ecke und hält. Kurz vor der Pause dann noch mal das letzte Lebenszeichen des VfR heute: Der neben Aguirre fast als einziger Normalform erreichende Rasensportler Krause zwingt Bos noch mal zu einer Glanzparade, Adesanya staubt ab, aber Abseits. Mit einem glücklichen Remis für die Gäste geht es in die Pause.

Pleiten, Pech und Pannen beim VfR…

… aus VfR-Sicht heißt es dann in der zweiten Hälfte. Zunächst schießt Korup nach einem abgewehrten Lübecker Angriff aus Nahdistanz einen Mannschaftskollegen ab, der Ball prallt zu Demir, der ganz allein 10 Meter weiter Richtung Aguirre steht, dieses unverhoffte Geschenk annimmt und knallhart den Ball unter die Latte nagelt (48.).

… und der VfB immer selbstsicherer

Das VfR-Spiel verflacht zunehmend, die Stutzky-Elf glaubt immer mehr an sich, haut sich fair voll rein und feiert inzwischen jede eigene gelungene und auch jede misslungene Aktion des Gegners. Von denen es zahlreiche gibt. VfR-Coach Danny Cornelius hat im Dreierpack gewechselt (57.), doch so richtig wirkt das auch nicht. Dem eingewechselten Alban Jashari gelingt immerhin der erste VfR-Abschluss in der zweiten Hälfte (61.) – zwei Meter drüber. Auch das dritte Gegentor leitet der VfR quasi selbst ein: Ein eigener Freistoß wird schon im Mittelkreis verdaddelt, der VfB schickt links Jaromir Grimm, der sich durchsetzt und flach nach innen spielt. Am zweiten Pfosten ist wieder Marquardt da und schnürt den Doppelpack (3:1, 72.). Ganz Sportsmann jubelt Marquardt auch hier nicht. „Lippe [d. Red.: Jan Lippegaus] musste nach innen, weil da Ramiz [d. Red.: Demir] ganz frei war. Da war ich hinten ganz blank“, so Marquardt.

Voll die Butter vom Brot genommen…

… hat der bisherige Tabellenletzte dem bisherigen Tabellenführer. Bei dem klappt nun gar nichts mehr. Das Bemühen ist nicht abzusprechen, aber Flanken und Ecken landen hinterm Tor, auch ein falscher Einwurf ist dabei. In der Schlussphase wird Korup nach vorne beordert – ohne Erfolg. Im Gegenteil: In der Schlussminute erobert der VfB schon am Strafraumeck wieder einen Aufbauball des VfR, in der Mitte kann der eingewechselte Cameron Mensah den Ball ins leere Tor schieben. 4:1 in der Nachspielzeit.

Fazit

Der VfR kann seit dem Wiederaufstieg 2023 weiter nicht gegen den Angstgegner VfB Lübeck II gewinnen. Der Rest des Fazits sind Phrasen: Totgesagte leben länger und jedes Spiel muss erst mal gespielt werden.

Stimme zum Spiel

Danny Cornelius (Trainer VfR Neumünster)
  • VfB Lübeck II: Bos – Schwoon, Majewski, Aberger (46. Zerbe), Heinemeyer – Dühnfort (85. Mensah), Grimm, Marquardt (77. Beck), Boll (75. Steiner) – Demir, Marashi (83. Al Sadi).
  • Trainer: Oliver Stutzky
  • VfR Neumünster: Aguirre – Neca, Korup, Kahlcke (57. Schomaker), Lippegaus – Aouci (68. Carvalho), Mehmeti (57. Knutzen), Drauschke, Krause – Alija (57. Jashari), Adesanya (86. Latifi).
  • Trainer: Danny Cornelius
  • Schiedsrichter: Jan Mika Kröhnert (Holstein Kiel).
  • Assistenten: Friedrich Spengler, Yücel Can Sarapli.
  • Zuschauer: 110
  • Besondere Vorkommnisse: Aguirre hält Foulelfmeter von Demir (42.)
  • Tore: 0:1 (22.) Lippegaus, 1:1 (33.) Marquardt, 2:1 (47.) Demir, 3:1 (72.) Marquardt, 4:1 (90.+6) Mensah

Tabelle

Oberliga Schleswig-Holstein
Platz Mannschaft Sp. G U V Tore Diff. Pkt.
1. (↑ 2) Holstein Kiel II 7511 22:91316
2. (↓ 1) VfR Neumünster 7511 19:91016
3. (↑ 4) FC Kilia Kiel 7421 17:9814
4. (↓ 3) SC Rapid Lübeck (N) 7403 13:13012
5. (5) TSB Flensburg (N) 7322 19:11811
6. (↑ 7) 1.FC Phönix Lübeck II 7322 19:18111
7. (↓ 6) Oldenburger SV 7313 16:17-110
8. (8) TSV Nordmark Satrup 7313 12:14-210
9. (↑ 10) Kaltenkirchener TS 7223 12:1208
10. (↓ 9) PSV Neumünster 6222 11:13-28
11. (11) Heider SV 7223 10:19-98
12. (↑ 13) TuS Rotenhof 7142 12:16-47
13. (↓ 12) MTSV Hohenwestedt 6132 14:16-26
14. (14) SV Eichede 6123 7:8-15
15. (↑ 16) VfB Lübeck II (N) 7115 10:21-114
16. (↓ 15) Eckernförder SV (N) 6105 9:17-83

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