© 2015 Ismail Yesilyurt
In den letzten Wochen haben sich die Fronten zwischen dem FC Kilia Kiel und vielen Kieler Vereinen verhärtet. Grund ist das Kilianer Projekt bzw. Konzept , schnellstmöglich leistungsfähige Nachwuchsmannschaften zu installieren. Nachdem man u. a. mit Mario Schülke als sportlicher Leiter Jugendfußball und Henrik Krüger als Jugendobmann, beide waren zuletzt beim TSV Kronshagen für die Jugendabteilung tätig, zwei Funktionäre gewinnen konnte, sind inzwischen viele Spieler von diversen Vereinen im Interessen-Blickfeld des aktuellen Spitzenreiters der Herren-Oberliga.
Strukturreform des SHFV: Segen oder Fluch?
Aufgrund der Strukturreform des Jugendfußball im Schleswig-Holsteinischen Fußballverband (SHFV) gibt es die Möglichkeit, mit einer neuen Mannschaft gleich in der höchsten Landesklasse zu spielen. Die Vereine melden ihre Mannschaften nach eigener Einschätzung der Spielstärke in der Landesliga (hier findet dann eine Qualifikation für die Oberliga statt), Kreisliga und Kreisklasse an. Die negativen Folgen dieser Reform bekommen nun viele Vereine mit. Ein ambitionierter Verein, in diesem Fall Kilia Kiel, kann sich somit eine völlig neue Mannschaft zusammen stellen durch Neuzugänge bzw. Neuanmeldung. Dass Wechsel stattfinden, ist natürlich nicht nur im Fußball gang und gäbe. Was viele Kieler Vereine jedoch im höchsten Maße verärgerte, war die Art und Weise des FC Kilia Kiel, neue Spieler zu holen.
Schlichtungsgespräch kann große Kluft nicht schließen
Vor etwas mehr als einer Woche hatte der SHFV zu einem Schlichtungsgespräch zwischen den Vereinen und Kilia Kiel eingeladen, um bei der Aussprache viele Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. Da davon nur ein Bruchteil beiseite gelegt wurde, durfte danach auch nicht von einem Frieden gesprochen werden.
Im Rahmen der von youkick angebotenen Möglichkeit, Beiträge zuzusenden für eine Veröffentlichung, hat sich Jesper Grohmann zu Kilia Kiels Jugendkonzept und der SHFV-Reform geäußert. Youkick hat natürlich auch Volker Roese, Präsident des FC Kilia Kiel, um eine Stellungsnahme (weiter unten) gebeten.
Nachfolgend der Beitrag von Jesper Grohmann, der in Auszügen wiedergegeben wird.
„Durch die neue, diskutable Spielklassenreform des SHFV ist es möglich, einen Verein, der jahrelang nichts für den Jugendfußball getan hat, innerhalb weniger Monate aus der Versenkung in die höchsten Spielklassen zu bringen. Genau das wird seit zwei Wochen durch Abwerbung der besten Spieler des Kreis Kiels versucht. Da es den Verantwortlichen bekanntermaßen „nur um die Jugendlichen geht“, gehe ich erst Mal auf die Methoden ein, wie die Spieler vom neuen Projekt überzeugt werden sollen, bevor ich auf die „offene und faire Zusammenarbeit mit anderen Vereinen“ blicke, die betont, aber nicht eingehalten wird.
Ich kann hierbei nur aus meiner Sicht vom TSV Klausdorf beurteilen, vermute aber stark, dass dies auch andere Vereine betrifft, für die ich hier hoffentlich sprechen kann.
Dass jugendliche, ehrgeizige Fußballer im Alter von 15-18 Jahren durch Gespräche und Versprechungen sehr leicht beeinflussbar sind, ist sicher auch den Verantwortlichen (sportlicher Leiter, Jugendobmann, Trainer) bekannt. Diese sind schließlich nicht doof, wenn auch scheinbar gewissenlos. Aus diesem Grund melden sie sich auch direkt bei den betroffenen Spielern und nicht bei den Erziehungsberechtigten, wie es beispielsweise Holstein Kiel als wirkliches NLZ macht. Da der Wunsch, die Alternative zu Holstein sein zu können, ja besteht, könnte man sich hier schon mal etwas abgucken. Schlimmer ist nur der Druck, der den Kindern (ja, solche sind es) dabei gemacht wird: Es werden nach einem Telefonat unfassbare 2 Tage Bedenkzeit gegeben, damit man im Falle einer Absage direkt den nächsten Spieler aus der Liste kontaktieren kann, was dem Spieler auch so gesagt wird. Hier kann es nicht um den einzelnen Spieler gehen, wenn direkt der Nächste bereitsteht und angefragt wird. Der Spieler muss also innerhalb von 48 Stunden eine Entscheidung treffen, die er anhand eines maximal 10-minütigen Telefonats treffen muss. Eine Chance auf ein persönliches Kennenlernen oder ein Probetraining wird hierbei nicht angeboten. Bei einem anderen Spieler wird betont, wie viel Bock der Trainer hat, mit ihm durchzustarten und ob es heute am gleichen Tag noch losgehen kann. Es ist beschämend, wie ein Trainer mit Schutzauftrag einen 15-Jährigen so einem mentalen Druck aussetzt.
Den Spielern wird am Telefon eine herausragende Perspektive geboten, die er selbst gar nicht einschätzen kann. Es wird mit kostenlosen Mitgliedschaften im Fitnessstudio oder kostenfreiem Eintritt für die Ligaspiele der ersten Herren gelockt. Materielle Dinge, die einen geldlichen Wert haben, dienen also dazu, dass der Minderjährige sich wertgeschätzt fühlt. Dass die Möglichkeit besteht und diese Dinge genutzt werden, ist keineswegs falsch und sicherlich fördernd in der Entwicklung (Fitnessstudio), es aber im ersten Gespräch in einem Atemzug mit dem sportlichen Ansatz zu nennen, um so einen Anreiz zu schaffen, mindestens mal fragwürdig.
Wenn schon mit den Spielern nicht ehrlich umgegangen wird, dann immerhin mit den Vereinen – sollte man meinen. Die offene und faire Zusammenarbeit sowie der transparente Austausch mit dem anderen Verein werden von den Verantwortlichen jedes Mal aufs Neue betont, aber nicht eingehalten. Wenn man schon so von sich überzeugt ist und sich als zweites Holstein Kiel hinstellt, sollte man seine Worte und Prinzipien auch einhalten. Dazu passt jedoch in keinster Weise die Tatsache, dass die Jugendspieler ohne Info an den Verein kontaktiert werden. Weder Trainer noch Verantwortliche noch Eltern wussten von den Anrufen Bescheid. Dass fünf Tage nach der Kontaktaufnahme dann doch ein Schreiben an den Verein rausgeht, in dem „frühzeitig“ informiert wird, dass Gespräche geführt werden sollen, setzt dem ganzen die Krone auf und ist an Unprofessionalität nicht zu überbieten.
Die Verantwortlichen des SHFV interessiert die Herangehensweise aber auch nicht. Wurde die Reform doch auch dafür eingeführt, weniger Vereinswechsel entstehen zu lassen, bekommt man als Antwort auf Nachfrage zu dem Thema nur, dass den anderen Vereinen dann ja hoffentlich Ausbildungsentschädigungen zukommen werden. Auch hier geht es scheinbar nur ums Geld und nicht um die Kinder, für die wir (zumindest außerhalb vom großen FC Kilia) das alles eigentlich machen.“
Volker Roese fasste sich kurz, da diese Angelegenheit in den letzten Tagen doch mehrmals auf dem Tagesplan stand:
„Man hegt da so eine moralische Messlatte über die wir rüber springen und alle Anderen laufen da runter durch. Ich will auch gar nicht mehr so viel dazu erzählen. Weil, ich glaube, das Thema ist für mich abgehakt. Wir haben die Vereine angeschrieben. Ich war bei einigen Gesprächen dabei, da waren immer die Eltern dabei. Es gibt auch 17-Jährige, 18-Jährige in der U 19, die sagen, ich brauche meinen Vater oder meine Mutter nicht dabei. Dann ist es so. Wir werden unseren Trainern klare Richtlinien vorgeben für das Verhalten. Ich freue mich darauf, wenn der Verband mal eine Ordnung rausgibt, an die man sich halten soll. Die unterschreibe ich als Allererster. Und ansonsten gucken wir nach vorne und gehen unseren Weg.“