Marcel Rapp (Holstein Kiel). © Ismail Yesilyurt
Nicht nur im Fußball ist der hauptverantwortliche Trainer der Sündenbock, der Erste, der nach einer Krise seinen Stuhl räumen muss. So geschehen auch bei Holstein Kiel. Der Fußball-Zweitligist beendete mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Marcel Rapp. Die Entscheidung fiel heute, nachdem die Mannschaft zuletzt nach einem Punkt und anschließend vier Niederlagen in Folge fünf Partien ohne Sieg geblieben war und in der Tabelle stark abgerutscht ist – aktuell belegt Kiel nur noch Rang 14 und steht damit in akuter Abstiegsgefahr zur 3. Liga. Der Tabellenletzte und 18., die SpVg Greuther Fürth, hat nur zwei Punkte weniger als die Störche.
Rapp, der seit Oktober 2021 an der Seitenlinie stand, hatte im hohen Norden Großartiges geleistet: Der Klub stieg 2024 als erster Verein aus Schleswig-Holstein überhaupt in die Bundesliga auf. Der Aufstiegstrainer prägte die Holstein-Ära über mehr als viereinhalb Jahre. In dieser Zeit stand der gebürtige Pforzheimer in 160 Pflichtspielen an der Seitenlinie und hinterließ sportlich wie strukturell Spuren im Verein. Doch das ernüchternde und enttäuschende 1:3 beim Karlsruher SC ließ offenbar keinen anderen Schritt zu. Oder? Neben Rapp endete auch die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Co-Trainer Alexander Hahn.
Neue Walter-Impulse sollen für Rettung sorgen
Die Entscheidung, den Vertrag mit Rapp vorzeitig zu beenden, fiel nach einer ausbleibenden Formkurve und anhaltender sportlicher Talfahrt. Trotz Engagement und hoher Identifikation mit dem Verein konnte die Mannschaft zuletzt nicht die erhofften Ergebnisse erzielen. Die Verantwortlichen um Sport-Geschäftsführer Olaf Rebbe betonten, dass ein Wechsel auf der Trainerposition notwendig sei, um neue Impulse zu setzen und die Saisonziele – insbesondere den Klassenerhalt – noch zu erreichen.
Tim Walter zum zweiten Mal bei Holstein
Nur wenige Stunden nach der Trennung von Rapp gaben die Kieler die Verpflichtung von Tim Walter als neuen Cheftrainer bekannt. Der 50-jährige Coach kennt den Verein bereits aus seiner früheren Station bei Holstein Kiel in der Saison 2018/19 und kehrt damit als „alter Bekannter“ an die Förde zurück.

Walter, der in seiner Karriere auch Trainerstationen beim VfB Stuttgart, beim Hamburger SV und zuletzt beim englischen Zweitligisten Hull City (bis November 2024) hatte, soll seine Erfahrung und klare offensive Spielidee einbringen, um den Durchmarsch in die Dritte Liga abzuwenden.
Sein erstes (öffentliches) Training beim Bundesliga-Absteiger Holstein Kiel leitet Walter morgen, am Mittwoch, nur wenige Tage vor dem kommenden Zweitligaspiel zu Hause gegen den SV Elversberg. Neben ihm wird Julian Hübner als Co-Trainer verpflichtet, der schon recht lange mit Walter zusammenarbeitet, zuletzt auch beim Hamburger SV und bei Hull City. Co-Trainer Dirk Bremser wird dem Trainerteam weiterhin erhalten bleiben.
Die Rückkehr von Tim Walter darf man sicherlich als mutiger Schritt bezeichnen, um frischen Schwung in eine schwierige Saison zu bringen. Zwar kennt Walter den Verein bereits, doch steht er vor der schwierigen Aufgabe, die Störche in den letzten elf Spielen der Saison zu stabilisieren und den drohenden Abstieg abzuwenden. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit warten Spiele gegen starke Gegner wie den Tabellendritten Elversberg und den Zweiten Darmstadt, was den Druck auf den neuen Trainer zusätzlich erhöht.
Ob Walter, der seit 2006 im Trainergeschäft ist, den Turnaround schafft, ist schwer abzuschätzen. Der in Bruchsal geborene Fußball-Lehrer, neben dem wohl auch Horst Steffen (zuletzt Werder Bremen) und Dieter Hecking (zuletzt VfL Bochum) in der Auswahl standen, ist eigentlich kein klassischer Feuerwehrmann. Aber aus den aktuell vorliegenden Angeboten sicherlich eine gute Lösung. Mit seiner Handschrift und Auffassung offensiver Aktionen kann Holstein Kiel vielleicht eine der größten Baustellen mit erst 28 erzielten Toren rechtzeitig fertigstellen. Sein Spielstil beinhaltet aber auch Elemente, die man unter Marcel Rapp gesehen hatte, unter anderem viel Ballbesitz oder spielerische (Kurz)Passlösungen. Aber gerade im letzten Spiel beim KSC hat man gesehen, auf welche Tugenden es ankommt, wenn man die große Not im Rucksack trägt!
