Lost Places Folge 9: Auf dem Platz am Kleinbahnhof spielte Eintracht Kiel Erstligafußball

von Helwig Pfalzgraf

Eintracht und Holstein Kiel im Jahre 1924 im nördlichen Tor des Kleinbahnhofplatzes. Freundlicherweise von Wolfgang Küssner zur Verfügung gestellt. Im Hintergrund die Rückseite der Fröbelschule.


Im Jahre 2025 löste sich der ETSV Eintracht Kiel von 1910 auf. Ein echter Kieler Traditionsverein hörte auf zu existieren. Seit dem Zweiten Weltkrieg spielten die Eintrachtler auf dem wunderschönen Tonberg an der Flintbeker Straße, den jeder Kieler Fußballer kennt. Doch zuvor hatte der Verein eine andere Spielstätte, die heute jedoch völlig in Vergessenheit geraten ist. Grund genug, in unserer Serie an diese Platzanlage aus der sportlich erfolgreichsten Ära der Fußballer des Vereins in den 1920er- und 1930er-Jahren zu erinnern.

1910: Beginn auf der Moorteichwiese

Seit der Gründung spielte der Verein auf den städtischen Anlagen der um 1906 angelegten Moorteichwiese. Auf der städtischen Anlage musste man sich die Spielflächen jedoch mit anderen Vereinen teilen. Umso größer war die Freude, 1920 nach dem Ersten Weltkrieg einen ehemaligen Lager- beziehungsweise Schrottplatz der Germania-Werft pachten zu können.

Eintracht und Holstein Kiel im Jahre 1924 im nördlichen Tor des Kleinbahnhofplatzes. Freundlicherweise von Wolfgang Küssner zur Verfügung gestellt. Im Hintergrund die Rückseite der Fröbelschule. © Stadt Kiel
Der Stadtplan von 1919. Auf dem lila markierten Gelände zwischen den Bahngleisen konnte Eintracht Kiel 1920 seinen Fußballplatz errichten. Die roten Linien im Plan sind Straßenbahnlinien. © Stadt Kiel
Im Luftbild von 1971 steht der Kleinbahnhof kurz vor dem Abriss, seine Bahnanlagen sind noch vorhanden. Der ehemalige Fußballplatz (lila markiert) ist bereits überbaut. © Stadt Kiel
Im Luftbild von 1971 steht der Kleinbahnhof kurz vor dem Abriss, seine Bahnanlagen sind noch vorhanden. Der ehemalige Fußballplatz (lila markiert) ist bereits überbaut. © Stadt Kiel

Am südlichen Stadtrand, aber mit Straßenbahnanschluss

Am südlichen Stadtrand, aber mit Straßenbahnanschluss. Das Areal befand sich hinter der 1908 eingeweihten Fröbelschule und dem 1910 fertiggestellten Kleinbahnhof, von dem die Züge nach Segeberg (über Bornhöved) und Schönberg fuhren. Am damaligen Endpunkt der zwischen beiden Gebäuden verlaufenden, damals sehr kurzen Diedrichstraße lag der Platz. Der Kleinbahnhof war mit einer Straßenbahn an den Hauptbahnhof angeschlossen, wovon natürlich auch Eintracht profitierte. Trotz der Randlage war der Platz schnell und bequem erreichbar.

Erstligafußball am Kleinbahnhof

Von 1920 bis 1936 spielte die Eintracht auf diesem heute völlig vergessenen „Platz am Kleinbahnhof“. In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren wurde hier sogar Erstligafußball gespielt. Von 1925 bis 1929 gehörte Eintracht der (zweigeteilten) Bezirksliga Schleswig-Holstein an, der damals höchstmöglichen Spielklasse. Auch Holstein Kiel spielte nicht höher, allerdings – bis auf die Saison 1928/29 – jeweils in der Parallelstaffel.

1929 stieg man dann nicht etwa ab, vielmehr wurde eine eingleisige Oberliga gebildet, die Eintracht knapp verpasste. Doch 1931/32 schaffte man den Sprung in diese eingleisige Oberliga und war damit nochmals erstklassig. Der Platz am Kleinbahnhof sah sowohl im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Nordmark Flensburg als auch beim Punktspiel gegen Holstein Kiel über 3000 Zuschauer. Allerdings stieg man erneut ab, eine Rückkehr in die höchste Liga gab es für den Platz am Kleinbahnhof nicht mehr.

Ungefähr die gleiche Ansicht heute wieder die Rückseite der Fröbelschule, nun ohne Fußballtor. © 2026 Helwig Pfalzgraf
Ungefähr die gleiche Ansicht heute wieder die Rückseite der Fröbelschule, nun ohne Fußballtor. © 2026 Helwig Pfalzgraf

Im Jahr 1936 musste Eintracht den Platz wieder abgeben, das Gelände wurde anderweitig benötigt. Der Verein kehrte daraufhin zur Moorteichwiese zurück. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte man auf den Tonbergplatz über, der 1933 angelegt worden war. Auf dem der Bahn gehörenden Platz hatte seit 1933 der TSV Reichsbahn Kiel gespielt, der jedoch nach dem Krieg keine Mannschaft mehr stellte.

Was blieb?

Schon bald nach Aufgabe des Geländes wurde der Platz überbaut. Heute hat hier die KVG ihre Betriebsstätte. An einen Fußballplatz erinnert an dieser Stelle nichts mehr. Auch der namensgebende Kleinbahnhof wurde 1933 abgerissen. An seiner Stelle steht heute eine Autowaschanlage.

Links die Seitenansicht des Kleinbahnhofs am Joachimsplatz, hinten die Fröbelschule. © Stadt Kiel
Links die Seitenansicht des Kleinbahnhofs am Joachimsplatz, hinten die Fröbelschule. © Stadt Kiel
Ungefähr die gleiche Ansicht heute. Statt des Kleinbahnhofs nun die Autowaschanlage. Standort unterhalb der Hochstraße. © 2026 Helwig Pfalzgraf
Ungefähr die gleiche Ansicht heute. Statt des Kleinbahnhofs nun die Autowaschanlage. Standort unterhalb der Hochstraße. © 2026 Helwig Pfalzgraf

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