Kopf-an-Kopf Rennen zwischen Meiko Werner (li., PSV Neumünster) und zweifach-Torschütze Yannik Jakubowski (Kilia Kiel). © 2025 Ismail Yesilyurt
Es erinnerte schon etwas an die Wutrede von Giovanni Trapattoni vor etwas mehr als 25 Jahren. Damals fielen nach einer 0:1-Niederlage des FC Bayern gegen Schalke 04 in der legendären Pressekonferenz die geflügelten Worte, die heute sehr bekannt sind: „wie Flasche leer“, „ich habe fertig“ und „was erlaube Strunz“.
Soranno im Rage-Modus
Ähnlich kochte das italienische Temperament bei Nicola Soranno nach der Oberligapartie seines FC Kilia Kiel gegen den PSV Neumünster, die 3:3 endete, nach dem Spiel im Teamkreis auf. „Ich habe so was noch nie erlebt. So unfassbar. So klar die bessere Mannschaft. Wie kann man so unfassbar dumm sein, sich das zu nehmen. Es ist scheißegal, dass wir 4, 5 Tore mehr hätten schießen können. Aber dass die drei Tore schießen, eins dümmer als das andere. 90 Minuten diese Scheiße nicht konzentriert zu Ende gespielt. Was sollen wir machen? Was wollen wir trainieren“, echauffierte sich Soranno mit erhöhter Lautstärke und in bester Trapattoni-Art.
Vom 3:0 zum Schock-Ausgleich
Der Grund, der den 36-Jährigen derart in Rage gebracht hatte, ist sicherlich aus Vorgenanntem abzuleiten. Da führte das dominierende Kilia Kiel nach 75 Minuten mit 3:0 und ließ sich innerhalb von zehn Minuten dann die Butter vom Brot nehmen. Da schmeckte das Endprodukt von 3:3 natürlich überhaupt nicht. Das Remis mutierte eigentlich zu einer Niederlage im Spiel des gastgebenden Tabellensiebten gegen den Vierten der Flens-Oberliga. Der große Soranno-Gefühlsausbruch war somit nur allzu verständlich.

PSV Neumünster mit starker Moral
Dem PSV Neumünster muss man ein großes Lob aussprechen. Die Mannschaft von Dennis Buthmann war eigentlich nach dem 0:3 mausetot. Doch peu à peu hauchten die starken Tim Möller und Nils Drauschke dem PSV neues Leben ein. Schon vor dem 1:3 hatten die Gäste die Kilianer etwas zurückgedrängt. Vor allem auch, weil Kilias Jannis Voß, der ein starkes Bindeglied aller Mannschaftsteile in dieser Partie, in dieser Saison ist, in der 66. Minute ob Trainingsrückstands ausgewechselt wurde.
Der Anschlusstreffer als Initialzündung
Mit dem 1:3 ging noch einmal ein großer Ruck durch die Elf der Neumünsteraner. Timo Barendts Kopfball parierte Keeper Tom Pachulski stark, doch Grady Zinkondo stand goldrichtig, um abzustauben.
Ausgleich in kurzer Folge
Glück und Momentum benutzten die Gäste in der Folgezeit auch, um zum 3:3 zu kommen. Beim 2:3 versuchte Pachulski ein gewagtes Solo im eigenen Strafraum. An Jesper Tiedemann kam er vorbei, aber an der Strafraumgrenze grätschte Barendt den Ball ab und traf anschließend mit zwei Verzögerungen ins leere Tor.

Kurz darauf ließ Barendt eine scharfe Hereingabe von Tim Möller von der rechten Seite passieren. Hinter seinem Rücken reagierte Til Küffner gedankenschneller und wuchtete aus kürzester Distanz zum 3:3 ein. Ein grausames Ende, das der diabolische Fußball gerne mal produziert. Aber auch mit einer Teilschuld der Kilianer, die ihren starken Fußball selbst hätten belohnen können, ja müssen. Die Chancen zum 4:0, 4:1, sogar zum 4:3 lagen vor.
Kilia mit meisterlicher Vorstellung
Mit sehr gutem und hohem Pressing holten sich die Kieler die verdiente Führung. Marvin Müller, der etwas später auch den genialen Schnittstellenpass zum 2:0 auf Yannik Jakubowski spielen sollte, leitete mit einem Pass nach rechts sein Tor ein. Abgefälscht von Geart Latifi und unhaltbar für Körtzinger zappelte der Abschluss von Müller rechts im Netz. Die Vorlage zum 3:0 kam von Marc Schwabe. Seine scharfe Hereingabe von links lenkte Geart Latifi beim Klärungsversuch im Zentrum vor dem einschussbereiten Jakubowski an den Fuß des Kilia-Stürmers.
Zur vermeintlichen Entscheidung nach 48 Minuten. Doch im Fußball ist vieles schnelllebig. Selbst eine 3:0-Führung, die hätte höher ausfallen können. Oder zwischendurch wieder auf 4:1 gestellt werden können. Und sogar noch die Chance zum 4:3 nach dem Zwischentief lag vor. Aber manchmal hat der Teufel seine Hände im Spiel. Oder auch in diesem Spiel der stark spielende Tilman Körtzinger zwischen den PSV-Pfosten.
Nicola Soranno hält sich kurz und knapp
„Wir sind einfach zu dumm. Wir waren so klar dominant und überlegen. So ein Spiel darfst du nie unentschieden spielen“, fasste sich Soranno bei seinem Statement ganz kurz. Mehr wollte und musste der Kilia-Sportlehrer nicht sagen.

Freude beim PSV
Der PSV Neumünster samt Anhang war natürlich megahappy. Der Unmut der Neumünsteraner Fans, aufgrund einer kurzfristigen Entscheidung keine Trommeln – laut PSV-Info aufgrund von Lärmbelästigung der Anwohner – mit ins Stadion nehmen zu dürfen, war sicherlich verflogen. „Dann singen und feuern wir halt unsere Mannschaft verbal die ganze Zeit an“, sagte der verantwortliche PSV-Fan. Zudem bedauerte die PSV-Führung, dass man bei den Umkleidemöglichkeiten unter der Haupttribüne keine saubere sanitäre Anlage vorgefunden hatte. Sicherlich ein einmaliges Problem, das die nächsten Gäste nicht mehr vorfinden werden.
Fazit
Kilia Kiel spielte fast 75 Minuten meisterlich auf. Dass man noch ein 3:0 aus der Hand gibt, wird sicherlich nicht alle Tage vorkommen. Dennoch zeigte die Partie, dass selbst in der Oberliga ein paar Prozent weniger bestraft werden. In der Regionalliga, in die die Kieler wieder hinmöchten – wann auch immer –, wird das noch extremer sein. Viel mehr Punkte darf die Mannschaft von Nicola Soranno nun nicht mehr liegen lassen. Sonst ist der Titel und die Aufstiegsrunde schnell futsch. Der PSV Neumünster hat gezeigt, dass die aktuelle Top-Platzierung kein Zufall ist. Die Neumünsteraner haben viel Potenzial – vor allem im Offensivspiel – und eine bemerkenswerte Moral.
Stimme zum Spiel
FC Kilia Kiel: Pachulski – Witt, Foit, Warncke (88. Acer) – Voss (66. Niebergall) – Trepca (74. Senger), Müller (79. Nwokoma), Yazgan, Meseberg – Jakubowski, Schwabe (71. Groß).
Trainer: Nicola Soranno.
PSV Neumünster: Körtzinger – Eberhardt, Latifi, Werner, Zarpe (46. Küffner) – Zinkondo (78. Assameur) – Nohns (46. Möller), Marvin Ehlert (46. Calvin Ehlert), Drauschke, Tiedemann – Barendt.
Trainer: Dennis Buthmann und Nils Voß.
Schiedsrichter: Bela Bendowski (Eintracht Lübeck).
Assistenten: Khaled El-Rifai, Luca Knaak.
Zuschauer: 210.
Tore: 1:0 Marvin Müller (24.), 2:0 Yannik Jakubwoski (38.), 3:0 Yannik Jakubowski (48.), 3:1 Grady Zinkondo (75.), 3:2 Timo Barendt (84.), 3:3 Til Küffner (86.).